Apocalypse now

Auf einmal ist sie da: Apocalypse now! Weltuntergang – so müssen es die Menschen im Zentrum der Katastrophe an den japanischen Küsten erlebt haben. So muss den Menschen im Umfeld der Kernreaktoren zumute sein, die zu Todesfallen geworden sind.

„Zeichen der Endzeit“, sagen die Frommen, „so steht es in der Bibel.“ Aber egal, ob es die Pestepidemien im Mittelalter waren, oder der Dreißigjährige Krieg, dem ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fiel, oder das Erdbeben von Lissabon 1755 mit bis zu 100.000 Toten – nein, „Endzeit“ ist kein geschichtlich abgrenzbarer Zeitpunkt. Endzeit ist eine Wende im Verhältnis zwischen Gott und Welt. „Angezählte“ Zeit: „Himmel und Erde werden vergehen“, sagt Jesus, um hinzuzufügen: „… aber meine Worte nie“. Da prallt es aufeinander: Die Erfahrung des Untergangs, vor dem keine Technologie und kein Milliardenprogramm schützen – und das Versprechen von Leben, das uns entgegenkommt und dessen erster „Winterling“ der Glaube ist.

Aber der kommt uns bei solchen Bildern abhanden. Stattdessen müssen wir irgendwie den Schock verarbeiten und uns auf festen Boden retten vor der eigenen Angst: Fragen zornig nach den Verantwortlichen für die Schlampereien, von denen die Rede ist, und nach den offiziellen Verharmlosern, die nur scheibchenweise die Wahrheit enthüllen. Fordern, wahrscheinlich zu Recht, die Umkehr in der Atompolitik und den Ausbau eines weltweiten Tsunami-Frühwarnsystems. Aber die Katastrophe hätte das auch nicht verhindert. Stattdessen geht uns in erschreckender Klarheit auf: Die unberührte Natur mag ein romantisches Ideal sein. Aber als Inbegriff für „alles ist gut“ oder gar als Gott-Ersatz taugt sie nicht. Sie hat zwei Gesichter, und eins davon ist mörderisch. Und: Es gibt keine Antwort auf die Frage „warum die Japaner und nicht wir?“. Weder sind wir bessere Menschen noch haben wir die fortschrittlichere Zivilisation. Wir leben nur gerade woanders. Aber sind wir deshalb in Sicherheit? Wo auf der Erde ist ein Mensch in Sicherheit?

So brechen plötzlich Fragen auf. Wieder einmal fragen wir „warum lässt Gott das zu?“ -  eigentlich gar keine Frage, sondern der Schmerzensschrei der Seele, den niemand völlig unterdrücken kann. Aber echte Fragen gibt es auch: Was ist der Mensch und was bleibt von uns, wenn eine einzige Flutwelle genügt? Worauf lohnt es sich wirklich stolz zu sein? Maßstäbe verschieben sich. – Und: Welche Energiegewinnung ist verantwortbar, welche nicht? Welcher Energieverbrauch ist verantwortbar, und welcher nicht? - Schließlich: Was sollen wir tun, auf der anderen Seite des Globus? Auf Holz klopfen – „Glück gehabt“- und dann „weiter so“? Schon kommen die ersten Spendenaufrufe. Auch wenn das nur ganz äußerlich sein kann und ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin. Ansonsten vielleicht einfach nur ein vielfältiges „Herr, erbarme dich!“ in diesen Tagen. Im Blick darauf, dass wir an einen Gott glauben, der es den Verzweifelten aller Zeiten vorgesprochen hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“. Passionszeit.

 

Michael Wohlgemuth, Pastor in Klein Hehlen