Nicht Wasser predigen und Wein trinken

Am Sonntag wird in den evangelischen Kirchen der Prophet Hesekiel mit einer gepfefferten Kritik an den falschen Hirten seiner Zeit zu Wort kommen. Hesekiel warf den politischen Machthabern vor, sie würden sich selbst weiden und die Schafe vergessen, für die sie  verantwortlich sind.

Dieser Text verlockt zu einem aktuellen, kritischen Rundumschlag, fehlt es doch auch heute nicht an falschen Hirten: Hirten in Libyen und Syrien, die auf das eigene Volk schießen, Wirtschaftsbosse, die auch nach der Krise wieder Millionen-Boni einstreichen oder Politiker, die Entscheidungen alternativlos nennen. Auch diese Ausgabe der Celleschen Zeitung wird wieder genügend Stoff für die Propheten von heute liefern,  ihre Zeigefinger zu erheben.

Der frühere Bundespräsident Heinemann hat aber, wie ich finde,  zu Recht daran erinnert: „Wer mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“ Ich will diese Mahnung nicht nur beim Schreiben der Sonntagspredigt ernst nehmen.

Protestanten, sagte Dietrich Bonhoeffer, müssen auch den Mut haben, kritische Texte der Bibel gegen sich selbst zu lesen und nicht nur gegen andere in Stellung zu bringen. So befrage ich mich, wo ich meiner Verantwortung im Beruf, in der Familie und im Blick auf das notwendige gesellschaftliche Engagement gerecht werde und wo nicht. Wasser predigen und Wein trinken – man muss kein Pastor (lateinisch „Hirte“) sein, um von diesem Vorwurf getroffen zu werden.

Zum Glück versinkt der alte Prophet nicht in der bloßen Kritik. Hesekiel bringt den guten Hirten ins Spiel, der das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden und das Schwache stärken wird. Zugegeben: Das ist ein romantisches Bild von Gott als dem, der die Welt in seinen Händen hält.  Aber dieses Bild enthält wider die Resignation den Keim der Hoffnung, das nichts so (schlecht) bleiben muss, wie es ist: Am Ende wurden die Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft befreit – und Hesekiel behielt Recht mit seiner Vision eines Lebens in Freiheit und Gerechtigkeit.

Alles alter Plunder? Nein, für mich nicht. Der Prophet macht mir Mut zur Kritik an allen sogenannten Autoritäten und lehrt den selbstkritischen Blick auf das eigene Tun. Gleichzeitig wirbt er für das unbedingte Vertrauen, das der 23. Psalm  - der Psalm vom guten Hirten - in diese bekannten Worten kleidet: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“  

Eine gesegnete Woche wünscht
Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen