Kevin und Charlotte

„Heißt hier jemand Kevin?“ fragt der Busfahrer vor Beginn einer längeren Fahrt. Ein Junge auf der hintersten Bank meldet sich. „Ganz nach vorne!“, ordnet der Fahrer daraufhin unmissverständlich an. Wer Kevin heißt und hinten sitzt, ist verdächtig. „Von dem ist nichts Gutes zu erwarten. Den muss ich unter Kontrolle haben.“ So das Vorurteil des Busfahrers. Er allerdings spricht von „Erfahrungswerten“.

Kann das sein, dass Kinder und Jugendliche wegen ihres Vornamens stigmatisiert und ausgegrenzt werden? Kevin, Mandy und Justin haben weniger Chancen in der Schule und viel eher mit Vorverurteilungen zu rechnen als Alexander, Charlotte und Johannes. Eine Untersuchung der Uni Oldenburg zitiert einen Lehrer mit den Worten: „Kevin ist kein Vorname, sondern eine Diagnose.“ Und die Diagnose lautet: verhaltensauffällig und leistungsschwach. 

Diese Chancenlosigkeit haben Chantal und Maurice oft schon von ihren Eltern geerbt. Abgebrochene Hauptschule, ungelernte Verkaufsarbeit, Dauerarbeitslosigkeit der Eltern machen es fast unmöglich, dass Kinder ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden und auch noch genug Geld für Hobbys da ist. Ja, Chancenlosigkeit scheint tatsächlich vererbbar zu sein.

Dass Eltern ihre Kinder so nennen, wie die erfolgreichen Stars aus der Glamour-Welt Hollywoods heißen, oder sich bei der Namenswahl von aktuellen Sport-, Model- oder Musik-Größen leiten lassen, verrät eine tiefe Sehnsucht. Es ist der Traum von einer besseren Welt, der für die Eltern so unerreichbar fern erscheint. Er soll sich wenigstens für die Kinder erfüllen. Ein Wunsch, der gut zu verstehen ist und sicher von Herzen kommt. Zumal einem täglich in den Medien, auf der Straße, in den Geschäften, in der Schule die andere Welt, die der Besserverdienenden, begegnet. In Hamburg zum Beispiel. Hamburg ist in Deutschland die Stadt mit den meisten Millionären. Und trotzdem lebt dort jedes vierte Kind von Hartz IV. Und während die Reichen immer reicher werden, steigt die Zahl der armen Kinder mit den auffallenden Namen ständig an.

Die Gesellschaft driftet auseinander. Neben der Parallelwelt der Migranten und der Einheimischen gibt es schon längst die Parallelwelt der Reichen und der Armen.

Statt die Justins und Madeleines in eine Schublade zu stecken, sollte man sich lieber Gedanken machen, wie sie da wieder herauskommen und wie man es schaffen kann, allen Kindern zu vermitteln, dass sie geliebt und anerkannt sind – egal wie sie heißen und aus welchem Teil der Parallelwelten sie kommen.

Gut, dass Kevin und Charlotte, Mandy und Jonas wenigstens gemeinsam getauft werden. In der Kirchengemeinde, zu der ich gehöre, hängen zur Taufe Namensbänder gut lesbar am Altar. Unmittelbar vor der Taufe werden die Paten aufgefordert, den Namen des Kindes zu nennen. Das hat den Sinn zu zeigen, dass jedes Kind unter dem Schutz Gottes steht. Gott sagt Ja zu Karl und zu Kevin, zu Chantal und zu Charlotte.

Während der Taufe wird die anwesende Gemeinde dazu aufgefordert, es Gott gleich zu tun und Ja zu jedem Kind zu sagen, egal welcher Herkunft es ist.  Nicht nur die Paten, die ganze Gemeinde soll sich für die Kinder verantwortlich fühlen und mit ihnen die Gemeinschaft leben, in die Gott uns stellt.  

Schulpastorin Elke Drewes-Schulz,
Nienhagen-Papenhorst