Mi., 17.02.2021

Kirchenkreis-Serie: Was mich bewegt – heute: Pastor Norbert Schwarz

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Pastor Norbert Schwarz

Neues Jahr, neue Herausforderungen, neue Themen, die den Kirchenkreis bewegen. In einer Serie berichten Mitglieder aus dem Kirchenkreis, welche Dinge sie aktuell beschäftigen, was ihnen gerade auf der Seele brennt oder welche Erlebnisse ihnen zuletzt Mut und Hoffnung gegeben haben. Teil 7 mit Springerpastor Norbert Schwarz.

Die Wiederentdeckung des Briefes

Als ich beim Spaziergang durch die verschneite Stadt das Seniorenheim passierte, sah ich sie auf dem Balkon stehen. Ebenso wie ich, genoss sie den Anblick der Winterlandschaft. In dem Moment, in dem sie mich sah, winkte sie mir zu. Zwischen Balkon und Straße kamen wir miteinander ins Gespräch. Die Freude, sich mal wieder von Angesicht zu Angesicht austauschen zu können, lag in der Luft. „Vielen Dank für den Weihnachtsbrief,“ rief sie mir zu, bevor ich meinen Weg fortsetzte. „Der liegt immer noch auf meinem Zimmertisch. Mehrmals habe ich ihn gelesen.“

Die Pandemie hat einen gewaltigen Digitalisierungsschub verursacht. Doch, dass das Abstandsgebot alte Mitteilungsformen neu zu Ehren bringt, dürfte eher weniger bekannt sein. Für mich ist dies eine überraschende Erkenntnis: Auch im digitalen Zeitalter bleiben Briefe eine gute Möglichkeit, sich mitzuteilen. Ihr Inhalt erschöpft sich nicht im Augenblick. Man kann sie aufbewahren, hervorholen und wieder lesen. Wenn wir denen, denen wir leibhaft nicht nahe sein können, Briefe schreiben, finden wir uns in einer ähnlichen Situation wieder, wie in den Anfängen der Christenheit. „Ich habe euch in dem Brief geschrieben“, „Aus großer Trübsal schreibe ich euch“, „Seht, mit wie großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!“, „Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben“ – für den Apostel Paulus waren Briefe das entscheidende Medium, sich mit seinen Gemeinden auszutauschen. Die ältesten Schriften des Neuen Testaments sind Briefe. Fast die Hälfte des Neuen Testamentes würde fehlen, wenn die Apostel nicht eifrige Briefschreiber gewesen wären.

Unter Corona-Bedingungen ist mir der Wert dieser literarischen Form neu bewusst geworden. Als Springerpastor bin ich gleichzeitig in verschiedenen Gemeinden tätig. Mittlerweile ist es üblich, dass ich meine Predigten in Form eines Briefes auslegen lasse, wenn ich zeitgleich in einer anderen Gemeinde aktiv bin. Nicht selten wird sie unter den Versammelten vorgelesen. Ein weiterer Vorteil von Briefen ist: Sie sind ein Erfahrungsspeicher, der nicht nur den ursprünglichen Adressaten, sondern auch späteren Generationen zu Gute kommen kann. Man kann von anderen lernen, Kraft und Halt suchen in dem, was anderen Halt gegeben hat. „Der letzte Pfarrer von Königsberg“ heißt ein Buch, das ich im vergangenen Jahr gelesen habe. In den Nachkriegsjahren waren Hugo Linck und seine Frau in der zerstörten Stadt festgesetzt und warteten sehnlichst darauf, mit ihrer Familie wiedervereint zu werden. Was sie bewegte, was sie ängstigte, worauf sie hofften, teilen sie ihren Lieben in Briefen mit. Die Enkelin des Pfarrers hat diese Briefe in einem Buch veröffentlicht und einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht. Sie sehen: Briefe waren und sind noch immer eine wunderbare Möglichkeit, sich in Zeiten der sozialen Distanz ganz nahe zu kommen.