Mi., 23.12.2020

Menschlich sein, Blick weiten

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Brot für die Welt steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der vernachlässigten Kinder

Zwischen Kisumu und Celle liegen rein geografisch exakt 6.297 Kilometer Luftlinie. Aber eigentlich trennen die Hafencity im Westen Kenias und die Herzogstadt Welten.

Hier, direkt am Victoriasee, arbeitet die mobile Jugendhilfe UCDP, eines von über 600 Projekten in Afrika, die vom evangelischen Hilfswerk „Brot für die Welt“ unterstützt werden. Es gibt genug zu tun für die Helfer vor Ort: Mehr als 300 Kinder leben in Kisumu auf der Straße, sind der Witterung, brutalen Polizeibeamten und Kriminellen schutzlos ausgesetzt. Selbst für die Kinder, die noch ein Zuhause haben, ist das Leben hart: Viele Minderjährige sind häuslicher Gewalt ausgeliefert. Das hat dramatische Folgen. Nicht nur für die gesundheitliche und emotionale Entwicklung der Kinder – viele schließen sich in ihrer Not Jugend-Gangs an und werden so selbst zu Kriminellen. Ein scheinbar undurchdringbarer Teufelskreis.

Die mobile Jugendhilfe von Kisumu versucht diesen zu durchbrechen. Als vertrauenswürdige Ansprechpartner auf der Straße, mit medizinischer Versorgung und mit Langzeitstrategien, die nicht nur den Alltag der Kinder erleichtern, sondern auch den Familien in ganz Kenia ein Fundament für eine bessere Zukunft schaffen möchten. Isabelle Uhe weiß als „Brot für die Welt“-Projektkommunikatorin Afrika bestens Bescheid, welche Früchte die Zusammenarbeit mit Projekten wie der UCDP tragen kann: „Der Kerngedanke von ‚Brot für die Welt‘ ist in erster Linie die Überwindung der Armut weltweit und mehr Gerechtigkeit. Der Großteil der Projekte mit den afrikanischen Partnern hat Ernährungssicherung und im nächsten Schritt Ernährungssouveränität zum Ziel. Im Idealfall bleibt am Ende des Tages Gewinn übrig, der dann in gesundes Essen und die Schulbildung des Nachwuchses investiert wird.“

Dennoch: Misshandlungen, Vergewaltigungen und Überfälle gehören für die Straßenkinder von Kisumu zum traurigen Alltag. Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat diese Zustände nur noch verschlimmert. Viele Aktionen der mobilen Jugendhilfe wurden durch die staatlichen Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung von einen Tag auf den anderen zum Stillstand gebracht. Der von der Organisation geführte Kindergarten musste dicht machen, ebenso wie die Schulen. Vielen Kindern fehlt dadurch die einzige warme Mahlzeit des Tages. Es herrscht eine nächtliche Ausgangssperre auf den Straßen Kenias. Doch wohin sollen die Kinder, wenn sie eh schon gezwungen sind, auf der Straße zu leben? Viele flüchten nachts vor den restriktiven Maßnahmen der zuständigen Sicherheitsbehörden in die Außenbezirke. UCDP konnte mit der Unterstützung von „Brot für die Welt“ kurzfristig ein zusätzliches Projekt auf die Beine stellen, um die Auswirkungen der Corona-Krise zu mildern: Sie verteilen Nahrungsmittelpakete und Desinfektionsmittel an die Familien der Kindergartenkinder im Slum. Auch der Kontakt zu den Straßenkindern wird, soweit es geht, aufrechterhalten.

Die Lage ist dramatisch. Doch sie wäre aussichtslos ohne die Spendengelder von „Brot für die Welt“. Projektkommunikatorin Uhe rechnet vor, dass etwa ein Drittel des Budgets für die mobile Jugendhilfe in Kisumu durch Spendenmittel erreicht wird. Der Rest wird durch Gelder aus dem Entwicklungsministerium finanziert. Doch das eine bedingt das andere: die finanzielle Unterstützung aus dem Ministerium orientiert sich an der Zahl der erreichten Spendeneinnahmen. Bedeutet: Je weniger gespendet wird, desto weniger Geld gibt es auch von der Bundesregierung, umso größer ist das Leid in Lateinamerika, Afrika und überall sonst auf der Welt, wo „Brot für die Welt“ im Einsatz ist.

Die Corona-Pandemie dürfte auch in dieser Hinsicht Auswirkungen haben. Bis zu 50 Prozent der jährlichen Spendengelder akquiriert „Brot für die Welt“ durch die Einnahmen aus der Weihnachtskollekte. In einem Jahr, da das Virus Absagen von Gottesdiensten und deutlich weniger Gottesdienstbesucher zu verantworten hat, ist auch die Gefahr groß, dass Spendengelder ausbleiben. Um diesen Trend entgegen zu wirken, hat „Brot für die Welt“ erstmals eine Online-Kollekte eingeführt. Über die Homepage www.brot-fuer-die-welt.de kann man digital spenden oder sich als Fördermitglied registrieren lassen.

Eine Möglichkeit, von der auch die Celler Gebrauch machen werden, hofft Isabelle Uhe: „Ich glaube fest daran, dass die Solidarität der Menschen in diesen schwierigen Zeiten nur noch größer geworden ist.“ Die Hoffnung teilt sie mit Celles Superintendentin Dr. Andrea Burgk-Lempart: „Wir feiern Weihnachten, weil Gott Mensch geworden ist. Deshalb steht für mich in dieser Zeit die Menschlichkeit im Vordergrund. Und damit verbunden ein wacher Blick dafür, wie viel Unterstützung die Menschen in Fern und Nähe nötig haben.“ Die auch in diesem Jahr wieder stattgefundenen Hilfsaktionen der Celler Konfirmanden hat sie mit Freude wahrgenommen. „Bei meiner letzten Stelle als Pastorin in Diekholzen war ich ebenfalls mit meinen Konfirmand*innen bei einem Bäcker, um dort Brot und Plätzchen zu backen, deren Verkaufserlös dann gespendet wurde. Nicht nur, dass die Jugendlichen aktiv an den Spendensammlungen beteiligt waren, sie lernten auch den nötigen Respekt vor einem wertvollen Handwerksberuf wie dem des Bäckers.“

Dass die Corona-Krise keine lokale, sondern eine globale ist, sagt sie, hat die Sicht der Celler und ihren Gedanken zur Solidarität noch erweitert: „Wir sind alles Menschen, die auf ein und demselben Planeten zu Hause sind. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen.“
Die Kinder von Kisumu sehen das sicherlich ganz ähnlich.