Sa., 20.04.2019

"Ostern fällt aus dem Rahmen" von Superintendentin Dr. Andrea Burgk-Lempart

Kategorie: Allgemeine News

(Bildunterschrift)

Es war im Herbst. Das Wetter trübe. Nieselregen. Der Himmel wolkenverhangen. Ich war gerade erst umgezogen und zu Fuß unterwegs. Da fiel mein Blick auf eine Eibe. An dem immergrünen Busch hingen bunte Eier. Rote, grüne, gelbe und blaue Plastikeier. Ostereier im November. Ich dachte: Wahrscheinlich hat jemand vergessen, sie nach dem letzten Osterfest abzunehmen. 

Ein paar Wochen später lerne ich die Bewohnerin des Hauses kennen. Sie lässt die Eier mit Absicht das ganze Jahr über im Vorgarten hängen. Ihre Nachbarn haben sich inzwischen daran gewöhnt. Nur Ortsfremde wundern sich, so wie ich.

Sie erzählt mir, dass Ostern ihr liebstes Fest ist, wichtiger als Weihnachten. Wegen der Auferstehung der Toten. Die Eier also eine Art Glaubensbekenntnis der Frau: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt und wird auch sie nach ihrem Tod auferwecken. Darauf vertraut sie. Jeden Tag will sie daran erinnert werden. Deshalb hängen das ganze Jahr über Ostereier in ihrem Vorgarten. 

Christinnen und Christen feiern an diesem Wochenende das Osterfest. Die Auferstehung Jesu von den Toten. Der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: Das Leben hat das letzte Wort, nicht der Tod. 

Karfreitag erscheint das ganz anders. Jesus stirbt am Kreuz einen grausamen, qualvollen Tod. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Bedrückende Gottesferne. Gottesfinsternis. Die Frage nach dem Warum. 

Die biologischen Fakten kennen wir. Alter. Verschleiß. Tod. Der Körper verfällt und vergeht. Es ist nicht leicht, damit zurechtzukommen. 

Viele bedrückt nicht so sehr die Sorge vor dem Tod, sondern vor einem langen, qualvollen Leiden. Und all das andere Sterben. Durch Krankheit, Unfall, durch Gewalt, Krieg und Hunger. Brutal. Unmenschlich. 

Das Ende unseres irdischen Lebens ist sicher. Der Tod ist unabänderlich. Es ist nur eine Frage der Zeit. 

Bei diesen Fakten scheint es absurd, von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Leben zu reden. Es gibt ja keine objektiven Argumente, mit denen sich das untermauern ließe, was über Ostern berichtet wird. „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Das ist nicht die Beschreibung eines historischen Sachverhalts. Das ist ein Glaubensbekenntnis. 

Ostern fällt aus dem Rahmen. Alles, was über den Horizont dieser Welt hinausgeht, sprengt den Rahmen. Denn weiter als bis zum Horizont können wir nicht sehen. Aber gibt es nur das, was ich verstehen kann? 

Die Erzählung vom ersten Ostertag ist rätselhaft und geheimnisvoll. Sie fällt aus dem Rahmen. Auferstehung, mit dem Verstand nicht nachzuvollziehen. Biologisch nicht zu erklären. Sie sprengt die Gesetzmäßigkeiten, nach denen unser Leben funktioniert. Tote bleiben tot. Ende. Aus.

Die Nachricht von der Auferstehung ist jedenfalls für meine Hirnwindungen zu groß. Trotzdem will ich an ihr festhalten. Mich an ihr festhalten. Deshalb beeindruckt mich das „Bild, aus dem Rahmen gefallen“ von Timm Ulrichs. Ein braun-goldener Gemälderahmen aus Holz. 1,20 m x 1,80 m groß. Innen leer, ein weißes Nichts. 

Das passt zu den biblischen Berichten vom leeren Grab: Nach der Kreuzigung Jesu am Karfreitag wollten die Frauen ihm die letzte Ehre erweisen und seinen Leichnam mit wohlriechenden Ölen salben. Als sie auf den Friedhof kommen, ist die Grabhöhle leer. Angst und Entsetzen packen sie: Wo ist Jesus? Was ist geschehen? Ein Engel spricht mit ihnen: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“

Tot ist hier nicht tot. Jesus lebt. Sein Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas Neuem. Von Gott geschenktes ewiges Leben, das nicht länger vom Tod überschattet wird. Eine neue Lebensperspektive: Wir leben nicht, um zu sterben, sondern wir sterben, um zu neuem Leben aufzustehen. 

Ostern fällt aus dem Rahmen. Ist anders als das, was wir kennen. Das führt zu Fragen: Was wird mit unserem Körper, der im Grab verwest? Wie werden wir nach der Auferstehung der Toten aussehen, sind wir wiederzuerkennen? Die Autoren der biblischen Schriften formulieren vorsichtig, tastend. Der Apostel Paulus schreibt: Das Leben, das hier auf der Erde gesät wird, ist vergänglich. Aber das Leben, zu dem wir auferweckt werden, ist unvergänglich! Das Leben, das hier gesät wird, ist armselig. Aber das Leben, zu dem wir auferweckt werden, ist erfüllt von Gottes Herrlichkeit. Das Leben, das hier gesät wird, ist schwach. Aber das Leben, zu dem wir auferweckt werden, ist voller Kraft. Gesät wird ein natürlicher Leib. Auferweckt wird ein vom Geist Gottes neu geschaffener Leib. Wie es einen natürlichen Leib gibt, so gibt es auch einen vom Geist Gottes neu geschaffenen Leib.  Also: alles anders! 

Keine Vertröstung auf eine bessere Welt im Jenseits. Sondern auch ein Aufruf, aus dem Rahmen zu fallen. Sich dem Tod zu widersetzen. Und seinen dunklen Schatten: Schwarz-Seherei. Ängstlichkeit. Hass. Verleumdung. Entwürdigung. Dieser Realität zu trotzen mit Barmherzigkeit und Menschlichkeit. Mit dem Dennoch des Glaubens. Gott will eine gute Zukunft für seine Welt und die Menschen. Besonders für die, die ohne Schutz sind. Weil sie seine und unsere Fürsorge besonders brauchen. Dem Tod nicht das letzte Wort zu lassen. 

Christen sind Protestleute gegen den Tod. Genauso wie der ganze Lebensweg Jesu ein Protest gegen den Tod war. Er hat ihm die Stirn geboten. Gelebt, um den Tod zu überwinden.

Was bestimmt den Rahmen, in dem wir unser Leben leben? Die Realität, in der viel zu oft sinnlos gestorben wird? Oder der Glaube daran, dass das Leben siegt?  Für mich gibt es keine Alternative zu dem, was von Ostern berichtet wird. Sonst müsste ich die Menschen verloren geben, deren Leben der Tod beendet hat. Und all die Opfer von Unrecht und Tyrannei. 

Der Tod markiert eine Grenze. Was passiert, wenn wir sie überschreiten? Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Der Tod ist der Horizont des Lebens – aber der Horizont ist nur das Ende unserer Sicht.“ Mich trägt die Hoffnung auf Mehr. Die Verheißung: im Tod neues Leben. 

Ich werde in diesem Jahr nach Ostern ein paar Eier im Garten hängen lassen.  Ostern vor Augen. Das ganze Jahr. 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest
Ihre Andrea Burgk-Lempart, Superintendentin Ev.-luth. Kirchenkreis Celle

Nein
ich bin meiner Sache nicht sicher
was das Ende betrifft
das Sterben
das Grab

das Vergehn
und den unaufhaltsamen Tod
der mich aufzehren wird
und austilgt für immer
daran ist kein Zweifel
Und doch bin ich manchmal nicht sicher
und zweifle am Augenschein
und denke nach
ob nicht doch etwas bleibt
von dem was ich war ob nicht doch
im grauen Geröll in dem Staub
in dem Tod eine Spur sich
unvergessen erhält
ob nicht doch einer ist
der mich ruft mit Namen vielleicht
der mir sagt dass ich bin
dass ich sein soll für immer
und leben werde mit ihm
Nein
ich bin meiner Sache nicht sicher
was das Ende betrifft und den Tod
gegen den Augenschein
hoffe ich auf Ihn
Lothar Zenetti: Hoffnung
(aus: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Ostfildern, 42006)