Mi., 22.04.2020

Systemrelevant - Pastor Wohlgemuths Wort zum Sonntag in der Celleschen Zeitung

Kategorie: Allgemeine News

Corona hat eine neue Währung ins Spiel gebracht: „systemrelevant“ – oder auch nicht. Natürlich gab das Streit: Läden offen, Kirchen zu? Wochenmarkt geht - Konfirmation, Erstkommunion, Firmung müssen ausfallen? Gut, auch Schulen und Universitäten haben geschlossen. Dass sie nicht systemrelevant seien, wird niemand behaupten.

Trotzdem bitter: Lange schon geplant, der Konfirmationstag, Einladungen verschickt, Lokal gebucht – und nun verstreicht dieser Tag für zig-Tausende Jugendliche wie irgendein anderer! Das tut weh, auch wenn es in diesen Tagen weit Schlimmeres gibt. Umso mehr fragt sich: Abgesehen vom Festtag mit großen Geschenken – ist Konfirmation bei den Evangelischen, Erstkommunion und Firmung bei den Katholiken noch mehr?

Zwei Tage vor ihrer eigentlich für dieses Wochenende geplanten Konfirmation haben Jugendliche mit Straßenkreide ihren Konfirmationsspruch auf den Kirchplatz geschrieben. Welche „Konfirmation“, zu Deutsch „Bestärkung“ drückt sich da aus? Der Glaube als Quelle seelischer Kraft, das spiegelt sich in vielen biblischen Worten wider: „Ich, Gott, bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst“ – „ich habe mir den Spruch ausgesucht“, erläutert die Konfirmandin, „weil ich mich darüber freue, mich immer an Gott wenden zu können und dass er mich beschützt.“ Vor ihr das Leben  – wie gut, ein mobiles Zuhause anderer Art zu haben, um sich auf’s Unbekannte einzulassen! Dass das nicht gleichzusetzen ist mit einem Abonnement auf Glück, hat eine andere schon hart erfahren müssen: „Mein Spruch bedeutet, dass Gott auch, wenn es meinem Körper nicht gut geht, für mich da ist und mir Halt gibt“ -  Glaube als seelische Widerstandskraft, „Resilienz“, wie es heute heißt. Dass Jesus mit seinem Wort „Ich bin das Licht der Welt“ eine Perspektive über menschliche Sichtweite  hinaus gibt, die nichts und niemand verbauen kann – Leben nach dem Tod – findet ein anderer wichtig. Und noch einer versteht den Glauben als menschliches Korrektiv: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen“, schrieb Paulus im Philipperbrief. Das habe er sich ausgesucht, „weil mich die Corona-Krise zutiefst berührt und ich mir Sorgen um meine Mitmenschen mache. Er bedeutet, dass man nicht seinen eigenen Vorteil sucht, sondern auf den Nächsten achtet.“

Man muss das nicht glauben. Aber auch dann kann man empfinden: Systemrelevant ist es allemal, wenn Menschen aus solchen Ressourcen leben. Jedenfalls reicht es weiter als bloß für einen Festtag, oder?
Michael Wohlgemuth, Pastor in Klein Hehlen