Ein Engel muss her. Oder am besten gleich die ganzen himmlischen Heerscharen, so wie man sie an der Außenfassade des Klosters Suceviţa in Rumänien anschauen kann! Engel müssen her, um uns zu sagen: Fürchtet euch nicht!
Was wird aus dem Euro, was aus meiner Rente? Wie entwickelt sich das Weltklima? Kann die Energiefrage überhaupt gelöst werden? Hat Europa eine Zukunft oder wird es von Asien abgehängt? Herzinfarkt oder Schlaganfall, Krebs oder Demenz: Welche Krankheit wird mich erwischen oder hat mich schon im Griff?
Klar angesichts wirtschaftlicher, ökologischer oder gesundheitlicher Probleme kann man es schon mit der Angst zu tun bekommen. Und wir verhalten uns entsprechend: Viele achten darauf, dass sie nicht zu kurz kommen. Andere versuchen sich abzusichern, so gut es eben geht. Und trotz aller Sicherungs- und Rettungsmaßnahmen ahnen wir doch: Das Eis, auf dem wir uns bewegen, ist ziemlich dünn.
Deutschland: Keine Kinder, keine Religion
Ein tunesischer Arzt sagte neulich im Fernsehen: „Wir beneiden euch in Deutschland um eure Zivilisation. Ihr habt so vieles hervorgebracht und könnt fast alles herstellen. Aber zu den elementarsten Dingen seid ihr nicht mehr fähig: Ihr habt keine Kinder und keine Religion.“
Natürlich: Das ist eine Wahrnehmung von außen. Sie mag überzeichnet sein, und manche werden sich darüber ärgern. Trotzdem hat mich diese Äußerung getroffen. Mir fällt auf, dass viele Menschen bei uns ihr Gottvertrauen und damit auch ihr Vertrauen ins Leben verloren haben. „Man mag doch keine Kinder mehr in die Welt setzen“, sagte neulich eine junge Frau; und ihr Mann fügte traurig hinzu: „Das könnten wir uns ja auch kaum leisten“. In dem Moment als sie das sagten, merkte ich: Hinter diesen Sätzen steckt mehr. Da ist Verunsicherung, aber da ist zugleich eine große Sehnsucht nach erfülltem Leben.
Euch ist heute der Heiland geboren
Umso wichtiger, dass wir die Botschaft des Engels hören: „Fürchtet Euch nicht!“ Aber ist es nicht einfach nur naiv, sich einreden zu lassen: „Fürchtet Euch nicht“? Naiv wäre es, wenn die Botschaft des Engels damit schon zu Ende wäre. Doch sie geht weiter: „Fürchtet Euch nicht, denn siehe ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“
Das ist die Antwort Gottes auf die Sehnsucht von uns Menschen: Er ist uns nahe im Kind in der Krippe und in dem Mann am Kreuz. Diese Antwort gibt es seit 2000 Jahren. Und weil das für die ganze Welt Bedeutung hat, finde ich es richtig, dass unsere Zeitrechnung mit der Geburt des Heilands beginnt. Auch die Eckpunkte unseres Lebens markieren wir durch die Zeichen seines Lebens: Der Stern, der zu seiner Geburt aufleuchtete, steht für den Beginn unseres Lebens, das unter einem guten Stern steht. Und das Kreuz zeigt am Ende, dass das noch längst nicht alles war: Gottes Plus wartet auf uns.
Licht in der Dunkelheit der Welt
„Fürchtet Euch nicht, denn siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem
Volk widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr.“ Klar, wir hören Gottes
Antwort auf unsere Sehnsucht. Und doch gerät sie immer wieder
in den Hintergrund. Um die Weihnachtsbotschaft heute auszurichten,
braucht es wohl ganzer Geschwader von Engeln. Dabei soll die Dunkelheit dieser
Welt nicht ausgeblendet, sondern ernst genommen werden. Denn die Botschaft
richtet sich ja gerade an Menschen, die von Angst und Sorge bedrückt sind.
Und so kann es passieren, dass mitten in der Dunkelheit dieser Welt ein Licht
aufgeht und sich die Weihnachtsgeschichte neu ereignet:
Heiligabend in Celle
Heiligabend. Ein Tag wie jeder andere – könnte man meinen, wenn man durch Celle geht. Und doch liegt eine ungewohnte Betriebsamkeit in der Luft: Ich sehe Menschen, die sich abhetzen. Andere nehmen sich Zeit, wollen sich vielleicht bewusst besinnen; etliche scheinen einsam zu sein. Wieder andere erwarten etwas: Gerade an Weihnachten, gerade in der Heiligen Nacht sehnen sie sich danach, dass es wieder friedlich zugeht in ihrer Familie, in ihrem Dorf, in unserer Stadt. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Wie viel Enttäuschung mag es da auch geben? Wie viel Nacht? Wie sagt der Prophet: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
In dieser Welt aus Licht und Finsternis höre ich leise die Botschaft der Engel: „Fürchtet Euch nicht, denn siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“
Merkwürdig. Die Dunkelheit ergreift das Licht nicht: Es wird nicht einfach alles hell, auch nicht zu Weihnachten. Die Weihnachtsbotschaft: ungeeignet für die großen Slogans. Aber geeignet für ein Herz, das noch nicht kalt geworden ist, das noch sehnen kann. Und hoffen. Und vielleicht wieder lieben?
Besuch im Krankenhaus
Ich gehe noch mal schnell ins Krankenhaus, einen Besuch machen und komme
durch die Drehtür am Empfang vorbei. Ein Mann mit einer Reisetasche eilt mir
entgegen. Er ist noch rechtzeitig zum Fest entlassen worden. Andere müssen
im Krankenhaus bleiben, an diesem Tag, an dem eigentlich jeder gern zu Hause
wäre. Auf der Station stecke ich kurz den Kopf ins Stationszimmer.
„Ich möchte den älteren Herrn von Zimmer 12 besuchen.“ Die Schwester sitzt
am Tisch und rührt in einem Kaffeebecher. Sie sieht auf,lächelt mich müde an
und sagt: „Gut,dass Sie kommen. Für ihn gibt es nicht viel Weihnachten in
diesem Jahr.“
Heiligabend: fürchterlich?
Irgendetwas lässt mich fragen: „Und Sie, wie lange müssen Sie heute noch
arbeiten?“ „Die ganze Nacht“ – sagt sie, „so wie jedes Jahr.“ Sie macht eine Pause.
„Für mich ist Heiligabend fürchterlich.“ Ich sehe sie schweigend an. Da erzählt sie
mir, wie es dazu gekommen ist. Weihnachten bedeutet ihr gar nichts mehr
,seit ihr Mann sie verlassen hat. „Lieber die ganze Nacht Dienst tun, dann geht
Heiligabend schneller vorbei“, sagt sie und fügt hinzu: „An diesem Abend tut es
ganz besonders weh, allein zu sein.“ Ihr stehen die Tränen in den Augen.
Weihnachten? Kein heiles, kein heiliges Fest. Das Volk, das im Finstern
wandelt ...
Was sagt der Engel?
Ich mache den Besuch am Krankenbett. Bevor ich nach Hause fahre, gehe ich noch mal am Stationszimmer vorbei. Die Schwester sitzt über einer Krankenakte. Als sie aufsieht,sage ich: „Der Engel, damals bei den Hirten auf dem Feld, da gab es doch einen Engel?“ Sie nickt. „Der hat etwas zu den Hirten gesagt, was mir heute schon den ganzen Tag durch den Kopf geht.“ Sie schaut mich fragend an. „Fürchte dich nicht“ hat er gesagt. „Ja“, sagt sie. Und dann wiederholt sie den Satz leise für sich – und auch für mich: „Fürchte Dich nicht!“ Jahr für Jahr wird uns dieser Satz gesagt mit Engelsgeduld und mit Engelszungen: „Fürchte dich nicht!“
Ich wünsche Ihnen und den Ihren ein frohes Weihnachtsfest und Gottes Segen im neuen Jahr!
Ihr
Dr. Hans-Georg Sundermann
(Superintendent des Ev.-luth. Kirchenkreises Celle)