Fr., 16.04.2021

Bröckel hat einen neuen Lektor: „Der Glaube kommt aus der Predigt“

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Nebel Yahkup, der am vergangenen Wochenende als Lektor in der St. Marien-Kirche in Bröckel eingeführt wurde, war gerade 14 Jahre alt, als sich seine Eltern 1976 zur Flucht aus ihrem schon damals von Unruhen erschütterten Heimatland entschieden. „Syrien“, sagt Yahkup, „ist ein Vielvölkerstaat, die ständig miteinander rivalisierenden Gruppen sorgten für ein explosives Gemisch. Mein Vater wollte Frieden für seine Familie, also gingen wir weg.“ Statt wie geplant in Schweden landete die siebenköpfige Familie in Süddeutschland – und wurde dort trotz der zu überwindenden Hürden schnell heimisch: „Natürlich war das für uns zunächst ein Kulturschock. Ich hatte in der 7. Klasse noch lernen müssen, mit Schusswaffen und Granaten umzugehen, jetzt ging ich in eine Klasse mit Jungen und Mädchen. Die Eingewöhnung wurde uns leicht gemacht, wir wurden sehr herzlich aufgenommen.“

Yahkup, der nach eigener Aussage nie Probleme mit Ausgrenzung oder Rassismus hatte, fand mit 17 zum Glauben und in der Kirche ein neues Zuhause. „In die Kirche zu gehen wurde für mich das Selbstverständlichste auf der Welt. Und ich spürte auch hier das, was uns unser Vater vermitteln wollte: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, in Frieden leben zu können“, erzählt Yahkub, dessen Familie schließlich in Salzgitter heimisch wurde. Er selbst machte eine Ausbildung zum Verfahrenstechniker, bildete sich auf der Abendschule zum Industriemeister weiter und arbeitete bis zuletzt bei Baker Hughes in Celle. Parallel dazu betätigte er sich als Ehrenamtler in der Kirche, seit 26 Jahren wohnt er in Bröckel. In Hildesheim durchlief er einen intensiven zweiwöchigen Kurs, der ihn nun dazu befähigt, das Ehrenamt als Lektor anzutreten.

Gerade die selbstständige Vorbereitung und Leitung von Gottesdiensten mache ihm viel Spaß. „Ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen die Inhalte der Bibel schmackhaft zu machen. Der Glaube kommt bekanntlich aus der Predigt.“ Sein persönlicher Leitsatz, sagt Bröckels neuer Lektor, finde sich im letzten Abschnitt des Hebräerbriefes. Da steht: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Yahkup: „Dieser Glaube ist mein Schatz, den ich hege und pflege.“

Glaubwürdig sein, das sei die Kernaufgabe der Kirche. Und vielleicht auch nicht den Glauben daran zu verlieren, dass sich am Ende doch noch alles zum Guten wendet. Auch wenn ihm das mit Blick auf die alte Heimat Syrien schwerfällt: „Onkel und Tanten leben noch in Damaskus, zweimal wurden sie schon ausgebombt. Die Inflation und die Schrecken des Krieges haben dafür gesorgt, dass die Menschen in bitterster Armut leben. Fleisch ist zu einem Luxus geworden, den sich fast keiner mehr leisten kann. Ich habe Bilder von furchtbaren Gräueltaten gesehen, die man nicht so einfach vergessen kann. Ich kann mir leider nicht vorstellen, dass es in absehbarer Zeit wieder lebenswerter in Syrien wird.“

Das Leben wieder lebenswerter gestalten, auch darin sieht Nebel Yahkup eine Aufgabe für die Zukunft. „Hier in Bröckel haben die Menschen zum Glück andere Sorgen als Krieg und Zerstörung, aber auch diese Sorgen muss man ernst nehmen. Einsamkeit ist zum Beispiel ein großes Thema, die Pandemie hat diese Probleme nur noch vergrößert.“ Vielleicht, so hofft der 59-Jährige, finden in Zukunft wieder mehr Menschen den Weg in die Kirchen. Die Gemeinde in Bröckel kann sich auf jeden Fall auf einen hochmotivierten Lektor freuen.