Di., 23.03.2021

„Dafür lohnt es sich auf die Straße zu gehen“ – Die Klima-Andacht im Protokoll

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Am vergangenen Freitag, kurz vor der Kundgebung zum „Klimastreik“, fand in der Stadtkirche St. Marien eine Klima-Andacht statt. Lesen Sie hier die Predigt von Pastor Norbert Schwarz im Originallaut:

Ich muss gestehen: Im ersten Moment ist es mir schwergefallen, mich auf das Thema einzulassen, als mich die Anfrage erreichte, eine Andacht zum Aktionstag zu machen. „Klimastreik“, „Fridays for Future“ – „Ach ja, da war doch was,“ schoss es mir durch den Kopf.
In den vergangenen Monaten habe ich meinen Blick nach innen gerichtet. Ich vermute, manchem anderen geht das auch so.

Dass es auf der Welt noch andere Probleme gibt als Corona habe ich mehr oder weniger verdrängt. Umso wichtiger ist dieser Aktionstag. Er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Um wachzurütteln. Wie ein Wecker.
Menschen, die daran erinnern, dass wir alle gemeinsam auf einer Welt leben und Verantwortung tragen für sie. Dafür steht dieser Tag.

Draußen auf der Stechbahn wird es an diesem 19. März eine Kundgebung geben. Wir feiern jetzt schon hier drinnen eine Andacht. „Gottesdienst und Klimastreik – Wie geht das zusammen?“, mag manch einer sich fragen.
Ich denke, das passt ganz gut zusammen.

Die Kirche hat eine lange Geschichte. In dieser Geschichte gab es immer wieder Zeiten, in denen Menschen träge und gleichgültig geworden sind und nicht gemerkt haben, dass das Schiff in die falsche Richtung fährt. Wenn es dann nicht Leute gegeben hätte, die Alarm geschlagen hätten, wäre es um die Zukunft schlecht bestellt gewesen. Einer von denen Wachrüttlern wurde sogar zum Namensgeber für uns: Martin Luther. Christinnen und Christen, die sich auf ihn berufen, werden im Volksmund Protestanten genannt. Weil sie protestiert haben. So eng hängen Kirche und Demo schon namentlich zusammen.

Aber nicht erst seit Luther, schon viel früher gab es Menschen, die aufgestanden sind, wenn sie gemerkt haben, dass Dinge in eine falsche Richtung laufen. Als sie sahen, wie die Schere zwischen arm und reich auseinanderklafft und Menschen durch Menschen ausgebeutet werden, da haben sich im alten Israel die Propheten zu Wort gemeldet. Gott hat sie zu seinem Sprachrohr gemacht, um gegen Ungerechtigkeit zu protestieren.

Ein Bibelwort, das wachrütteln will, habe ich auch für diese Andacht mitgebracht. Kirchlich gesehen passt es genau in die Zeit. In der Passionszeit denken wir daran, dass auch Jesus gelitten hat, dass er gefangen genommen und gekreuzigt wurde, weil er gegen das Unrecht in der Welt protestierte. Angesichts des schweren Weges, den er gegangen ist, werden seine Anhänger aufgefordert: „Lasst uns zu ihm hinausgehen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir.“ Dieses Wort richtet sich an die ersten Christinnen und Christen, und es richtet sich auch an uns.

Lasst uns hinausgehen! – Das ist das Programm von Fridays for future in drei Worten zusammengefasst. Alles fing damit an, dass ein Mädchen aus Schweden sich Gedanken gemacht hat über den Klimawandel. Sie hat gesehen, welcher Katastrophe die Welt entgegentreibt, wenn die Erwachsenen nicht endlich etwas tun. Dann tat sie etwas sehr Einfaches: Sie hat ein Plakat genommen, „Schulstreik für das Klima“ darauf geschrieben, und ist nach draußen gegangen. Bei Sonne und Regen, bei Hitze und Kälte, bei Wind und Wetter stand sie auf der Straße mit ihrem Plakat. Unzählige Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt, sind ihr in kurzer Zeit gefolgt. Das Thema Klimaschutz ist seitdem von den Agenden der großen Politik nicht mehr wegzudenken.

Lasst uns hinausgehen! – Für mich verbinden sich mit dieser Aufforderung persönliche Erinnerungen. Ich wohne in der Wehlstraße. Das ist die Verbindung zwischen Nordwall und Neuem Rathaus. Mein Arbeitszimmer liegt zur Straße hin. Wenn ich freitagsvormittags am Rechner saß, wurde ich in schöner Regelmäßigkeit unterbrochen. Direkt unter meinem Fenster zogen die Schülerinnen und Schüler vorbei zum Rathaus. Lautstark mit Transparenten, Plakaten und Sprechchören. Die Musik aus den Boxen ist mir noch im Ohr: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“– Für mich war das jedes Mal ein Innehalten und eine Mahnung, dass sich etwas ändern muss.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir“ – Mit dieser Feststellung wird die Aufforderung begründet, nach draußen zu gehen. Darin steckt eine Mahnung und ein Versprechen. Wir haben hier keine bleibende Stadt – Für heute übersetzt heißt das: Nichts auf der Welt ist ewig. Die Erde ist endlich. Ihre Ressourcen sind begrenzt. Die Welt ist kein Fass, aus dem man unendlich schöpfen kann. Der Planet Erde ist ein verletzliches Wesen. Seine Atmosphäre ist nur eine dünne Schicht. Vor dem Weltraum lässt sie ihn in einem einzigartigen Blau erstrahlen. Von dieser dünnen Schicht hängt es ab, dass Leben wachsen und sich entfalten kann. Für jede und jeden einzelnen von uns gilt: Nur für eine kurze Zeit sind wir zu Gast auf diesem wunderbaren Planeten. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wenn wir von der Welt scheiden, sollen wir sie so hinterlassen, dass andere nach uns hier leben können. Das ist Gottes Wille. Seit Anbeginn der Schöpfung.

Spätestens seitdem die Erde sich dramatisch erwärmt ist klar: Wir selbst haben es in der Hand, das Leben hier zu erhalten oder zu zerstören. Noch nie war die Verantwortung für diesen Planten so groß.

Vieles spricht dafür, in Sorge zu sein. Der Aktionstag dient dazu, die Sorge um das Erreichen der Klimaziele ins Bewusstsein zu rücken.

Wenn an diesem Tag an vielen Orten Menschen für den Klimaschutz demonstrieren, verbindet sie aber nicht nur die Sorge. Getragen sind die Klimaproteste vor allem von Hoffnung. Hoffnung, dass eine Wende zum Guten gelingen kann. Diejenigen, die gegen den Klimawandel protestieren, sind keine Schwarzseher. Im Gegenteil. Sie schauen nach vorn. Sie schauen in die Zukunft. Gegen eine Gleichgültigkeit, in der wir wie Schlafwandler einer Katastrophe entgegen taumeln, setzen sie auf Hoffnung: Eine bessere Welt ist möglich. Eine intelligentere Nutzung von Energie und Ressourcen ist möglich. Nicht dazu sind die Menschen geschaffen, dass sie als die Idioten der Evolution sich selbst den Garaus machen. Ihr Auftrag ist es, Hüter dieser Welt zu sein. Ein mächtiges Hirn ist ihnen gegeben. Und sie sind in der Lage es zu nutzen.

Auch das wussten bereits Menschen, die vor uns gelebt haben. Deshalb waren die Worte der Propheten immer schon eine eigentümliche Mischung aus Mahnung und Versprechen. Niemals sprachen sie absolute Drohungen aus, die unabänderlich sind. Niemals fehlte jedoch auch die Mahnung, es nicht beim Ist-Zustand zu lassen. So auch in unserem Bibelwort: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir“ – Die Stadt der Zukunft wird uns vor Augen geführt.

Das ist die Erde, wie Gott sie gemeint hat. Ein Ort zum Leben für alle. Ein Lebensraum, in der Lebensmittel und Lebenschancen über Generationen gleichmäßig verteilt sind.

Die Erde der Zukunft schwebt nicht einfach vom Himmel herab. Alle, die davon gehört haben, sind aufgefordert, danach zu suchen, daran mitzuarbeiten, dafür zu kämpfen. Ich denke, hier schließt sich der Kreis. Wenn Menschen, die in die Kirche kommen und beten, sich mit Menschen gemein machen, die sich für den Klimaschutz engagieren, dann tun sie das, weil sie für eine gemeinsame Sache unterwegs sind: Die Stadt der Zukunft oder die Welt, wie Gott sie gemeint hat.
Die Zukunft der Erde ist der Horizont, unter dem wir gemeinsam stehen. Dafür lohnt es sich auf die Straße zu gehen. Amen.