Di., 16.03.2021

Der freie Sonntag hat Geburtstag

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Am 3. März 321 verkündete Kaiser Konstantin für das römische Reich: „Alle Bewohner der Städte und die Gewerbetreibenden sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen.“ Es war das erste Mal, dass der Sonntag als gesetzlicher Ruhetag verankert wurde.

Nicht ohne Ausnahmen. Auf dem Acker und in den Weinbergen durfte weiter am Sonntag gearbeitet werden, damit die Ernten nicht gefährdet werden. Die Sonntagsruhe war nie ein absolutes Gut. Bis heute nicht. Zwar ist der Ruhetag in unserem Grundgesetz geschützt als „Tag der seelischen Erhebung“. Die Rechtsprechung ist eindeutig, alle Versuche, den Sonntag für Erwerbsarbeit welcher Art auch immer zu öffnen, scheitern regelmäßig vor den Gerichten.
Doch unzählige Frauen und Männer sind am Sonntag erwerbstätig, in den „systemrelevanten“ Berufen, aber auch in der Freizeitindustrie – immer mehr arbeiten am Sonntag, damit andere den freien Tag genießen können.

Die Pandemie hat auch den Sonntag durcheinandergewirbelt. Der Fotograf Rolf Hansen spricht vom Gefühl eines „ewigen Sonntags“, wenn er im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 vors Haus tritt. Andere fordern immer wieder, in der Pandemie Ausnahmen für den Einzelhandel am Sonntag zu ermöglichen. Diese Debatte ist in meinen Augen eine reine Verteilungsdebatte, in der Innenstädte versus Peripherie, Großstädte versus Kleinstädte, lokaler Handel versus Onlinehandel kämpfen.

Was denken Menschen über den Sonntag? Wie gestalten sie den Ruhetag? Welche Rolle spielt der Rhythmus von Arbeit und Ruhe? Wie erleben sie die „ewige Ruhe“ unter Corona? Dazu habe ich im Spätherbst 2020, im zweiten Lockdown, Interviews geführt. Mit einer Lehrerin und Kirchenvorsteherin, unserem Landesbischof, der Auslandspastorin in Thessaloniki, einer Künstlerin, einem Sporttherapeuten. Niemand von ihnen hat sich dafür ausgesprochen, den gemeinsamen Sonntag abzuschaffen.

Je mehr Gespräche ich geführt habe, desto mehr wurde mir bewusst, wie viele andere Blickwinkel fehlen. Wie denken Erwerbslose, Schichtarbeitende in der Alten- und Krankenpflege oder bei Bussen und Bahnen über den Sonntag? Und wenn ich „Sonntagsdepression“ googele, bin ich erstaunt, wie stark der Sonntagsblues viele Menschen umtreibt, keineswegs nur einsame Menschen. Es lohnt sich, miteinander über den Sonntag zu sprechen.

Die gerade frisch erschienene Broschüre „Sonntagsfrei“ kann unter diesem Link bestellt oder heruntergeladen werden: www.hkd-material.de/detail/index/sArticle/1714/ sCategory/105
 
Über den Autor:
Dr. Matthias Jung ist Landessozialpfarrer und leitender Referent für den kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Sie erreichen ihn unter: jung(at)kirchliche-dienste.de