Mo., 15.03.2021

Kirchenkreis-Serie: Was mich bewegt – heute: Pastorin Natascha Keding

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In einer Serie berichten Mitglieder aus dem Kirchenkreis, welche Dinge sie aktuell beschäftigen, was ihnen gerade auf der Seele brennt oder welche Erlebnisse ihnen zuletzt Mut und Hoffnung gegeben haben. Teil 13 mit Pastorin Natascha Keding aus Winsen.

Das Festland ist rutschig geworden

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ereignet sich in Gesprächen, in denen ich Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen begleiten. Ich erlebe dabei, dass die gemeinsam geteilte Wirklichkeit, der Grund, auf dem man sich gemeinsam einigermaßen sicher bewegen kann, brüchiger wird.
Als Pastorin habe ich gelernt, mich vorsichtig an religiöse Themen heran zu tasten, davon auszugehen, dass mein Gegenüber vielleicht keinen Zugang dazu hat oder auch einen ganz anderen inneren Weg gegangen ist, mich also in einer offenen, neugierigen Haltung den „großen Fragen“ zu nähern. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Worauf hoffen wir?
Aber es gab – vielleicht nur in meinem Kopf – die Annahme einer grundlegenden Übereinstimmung in der Welt des Faktischen. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse gültig sind, Impfungen dem Schutz des Lebens dienen, die traditionellen Medien vertrauenswürdig sind und so weiter.

Wenn ich heute in ein Gespräch gehe, muss ich mich auf ein Abtasten in der „C-Frage“ einstellen: Wie ernst nimmt sie die Maske? Ist sie für oder gegen die Maßnahmen? Teilt sie meine Zweifel? Kann ich ihr überhaupt etwas anvertrauen? Manchmal kommt es auch erst nach dem „Zweck“ des Besuches, als eigentliches, verborgenes Thema zum Vorschein. Schmerzhafte Risse werden deutlich, zwischen Eltern und erwachsenen Kindern, die sich nicht mehr verständigen können, zwischen Geschwistern, die sich gedanklich nicht mehr erreichen, weil sie in dem, was sie für wirklich halten, grundverschiedener Ansicht sind. Das beschäftigt mich sehr, wie wir da als verbindende und verbindliche Menschen etwas Heilsames bewirken können.

Bisher war ein Leitbild für meine Arbeit, dass ich Hindernisse erspüren und überwinden helfen möchte, die Menschen einen Zugang zu Gott erschweren, z. B. sprachlicher oder biografischer Art. Aber da gab es noch so etwas wie ein Festland, von dem aus man sich gemeinsam aufs Eis wagen konnte. Heute ist auch das Festland rutschig geworden; es kostet mich viel mehr Kraft, Vertrauen aufzubauen, ein Grundverstehen in allgemeinen Themen zu suchen, bevor es persönlicher werden kann. Da verändert sich gerade etwas, was ich noch nicht gut sehen kann, wofür ich noch keine Kategorien habe. Was hatten wir es mal gut, als es nur schwierig war, über Gott zu reden!

Heute ist auch die Welt mehr und mehr fraglich geworden.