Mi., 10.03.2021

Kirchenkreis-Serie: Was mich bewegt – heute: Therapeutin Grit Wuttke

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In einer Serie berichten Mitglieder aus dem Kirchenkreis, welche Dinge sie aktuell beschäftigen, was ihnen gerade auf der Seele brennt oder welche Erlebnisse ihnen zuletzt Mut und Hoffnung gegeben haben. Teil 12 mit Therapeutin und Mitbegründerin der Frauenakademie der FABI Grit Wuttke

Tapferkeit und Winterkater

Was mich bewegt: Die Tapferkeit meiner alten Eltern. Als Kind haben sie den zweiten Weltkrieg überlebt. Fliehend, hungernd, trauernd. Schnell war der Bombentod der Mutter. Lang war die Zeit, bis der Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Nun warten sie, hinter verschlossenen Türen. Hinter Glasscheiben, wie im Aquarium. Auf mich, auf eine positive Nachricht, auf die Impfung. Auf den Frühling und auf ein bisschen Himmel. Auf die Freiheit …

Auch mein Kater bewegt mich. Mein Winterkater. Treu, wie jeden Winter, ist er wieder zu mir ins Warme gezogen. Über Viren spricht er nicht. Über Flöhe spreche ich – mit ihm.

Was mich bewegt sind meine Nächsten. Lieben. Die Gedanken über die Fernen - bewegen sich. In mir. Bewegen sie mich zu einer Bewegung? Die Tür zu öffnen, für Fremde? Nicht erlaubt zurzeit. Und wenn es erlaubt wäre? Wieder sein wird? Erlaubt ist? Wie viel Mensch und Nähe ertrage ich noch? Nach Monaten der inneren Klausur.

Im Scherz sagte ich vor einem Jahr: „Ich mutiere zur Pflanze.“ Innerhalb eines knappen, langen Jahres, bin ich tatsächlich zur Pflanze geworden. Einer denkenden, fühlenden, sich langsam bewegenden Pflanze. Oder einer Baumschule? Die Pflanzen in meiner Baumschule dürfen momentan so langsam wachsen, wie sie eben wachsen.

Geschichten, Bücher, Bilder. Denn ich bin als Kunstschaffende nicht systemrelevant. Ich muss im Supermarkt nicht an der Kasse sitzen. Ich muss nicht vor einem Kasten zoomen, konferieren. Ich arbeite nicht im Homeoffice in der Geräusch- und Bedürfniskulisse meiner heranwachsenden Kinder. Ich muss keinen LKW schlingernd über Glatteis lenken.

Die Vollständigkeit dieser Liste dürfte gefühlt einmal um den Äquator reichen. Oder bis zum Mond – und zurück. Ich darf mich von meinem Winterkater bewegen lassen. Und von der Unfreiheit meiner Eltern. Ich bin bewegt, beschützt und voller Leben.

PS: Und was mich noch bewegt? Die Hilfsbereitschaft meiner Nächsten. Ich weiß, wenn ich keine Stulle mehr habe, öffnen sie ihre Türen. Es ist noch Suppe da.