Fr., 05.03.2021

Wenn aus der Frontlinie wieder ein Zuhause wird

Kategorie: Texte Startseite, Allgemeine News

Die Diakonie Katastrophenhilfe richtet den Blick während der Passionszeit 2021 nach Syrien. Dort, wo der furchtbare Krieg bereits in sein zehntes Jahr geht. Millionen Menschen leiden unter den Schrecken des Konflikts. Viel zu viele sind gestorben oder verwundet worden, unzählige sind auf der Flucht und für die, die in ihrer Heimat geblieben sind, sind die Folgen dramatisch. Ihre Lebensgrundlagen sind oftmals zerstört, Krieg und Vertreibungen haben den Menschen schwer zugesetzt.

Die Diakonie Katastrophenhilfe leistet seit 2012 in Syrien und den Nachbarländern humanitäre Hilfe. Mit ihren Partnern vor Ort konnte sie seither schon über 1,3 Millionen Menschen helfen. Auch 2021 sind sie weiterhin in vielen Regionen Syriens aktiv, um das Überleben von besonders bedürftigen Menschen zu sichern und neue Lebensgrundlagen für sie zu schaffen.
Diese drei Schicksale stehen stellvertretend für so viele Opfer dieses sinnlosen Krieges.

Elin aus Homs
Elins Wohnung liegt im Hinterhof einer großen Straße in der Altstadt von Homs. Während der Kämpfe um die Stadt verlief die Frontlinie direkt entlang ihres Hauses. Das Appartement im Erdgeschoß wurde von einer bewaffneten Gruppe eingenommen, die einen Teil der Wände herausriss, um sich besser zwischen den Häusern bewegen zu können. Irgendwann wurde das Haus von einer Rakete getroffen, die die Decke der Küche einstürzen ließ. Die 58-Jährige floh mit ihrer Familie in ein kleines Dorf auf dem Land, wo sie fünf Jahre lang ohne Arbeit ausharrten. Dass Elin heute wieder zusammen mit ihrem Ehemann und der Familie ihrer Tochter in ihrer alten Wohnung lebt, kann sie selbst kaum glauben. Ihre Tochter betreibt auf dem Markt einen kleinen Laden, so wie früher, der Schwiegersohn arbeitet als Friseur.

Die Mitarbeiter der Partnerorganisation GOPA haben die Wohnung von Schutt befreit, die Löcher in den Wänden zugemauert und neue Türen und Fenster eingesetzt. Auch das Spülbecken, die Toilette und die Dusche wurden erneuert, denn alles war zerstört. Die Familie hat sogar wieder Strom und fließendes Wasser. Einige Möbel fehlen noch, aber das macht nichts. Sie haben wieder ein sicheres Zuhause und können den Neuanfang wagen.

Elham aus Ad Dweir
Elham lebt mit ihrem erwachsenen Sohn Najib und dessen Familie wieder in ihrem Heimatdorf Ad Dweir, in der Nähe von Homs. Vor dem Krieg hatten sie zwei Kühe und produzierten Milch und Käse für den lokalen Markt. Doch dann verloren sie alles. In ihrem Haus blieben nur einige schwere Türen übrig, weil sie als Brennholz nutzlos waren. Mit Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe konnte die Wohnung wieder sicher und bewohnbar gemacht werden: Fenster und Türen wurden ersetzt, die Böden gefliest, eine Spüle und vor allem ein Wassertank eingebaut.

Noch ist Elham arbeitslos, daher bepflanzt sie das kleine Stück Land neben ihrem Haus. Doch sie ist aufgeschlossen und bemüht sich sehr, eine Beschäftigung zu finden und neue Fähigkeiten zu erlernen. Denn so bald wie möglich möchte sie ihren Lebensunterhalt wieder alleine bestreiten können: „Alle Frauen hier im Dorf sollten die Möglichkeit erhalten, zu arbeiten und ihre Familien zu ernähren.“ Auf die Frage, was ihr die Rückkehr in ihr Dorf bedeutet, betont sie, dass ihr das Dorfleben gefällt – die Menschen, die Landwirtschaft, die Tiere. „Ich möchte immer ein Haus voller Menschen haben und jeden in meinem Haus willkommen heißen.“ Dieser Wunsch blieb für Elham kein Traum. Schon heute kommen immer wieder Nachbarn zu Besuch und setzen sich gemeinsam mit Elham um den kleinen, wärmenden Ofen.

Mohammad aus Homs
Das kleine, zweistöckige Haus von Mohammed wurde beschädigt, als eine Mörsergranate das Nachbarhaus traf. Die Diakonie Katastrophenhilfe ermöglichte ihm die Instandsetzung des Hauses mit einem Metalldach. Der 57-jährige Vater von vier Kindern ist sichtlich dankbar dafür.

Vor dem Krieg arbeitete Mohammad als Bauunternehmer. Daher konnte er mit anpacken und gemeinsam mit seinem Sohn im oberen Stockwerk eine kleine, aber schöne zweite Wohnung einrichten. Sein Sohn und seine zukünftige Frau werden nach ihrer Hochzeit dort einziehen. Das kleine Haus liegt in einem riesigen Garten inmitten des alten Homs. Mohammed hat den Garten so gut es ging von Schutt befreit und hält dort wieder Hühner. Außerdem baut er Gemüse, Blumen, Zitronen und Orangen an. Um den Garten zu schützen, half ihm die Partnerorganisation GOPA, die Ziegelmauer wiederaufzubauen, die auch durch Mörser getroffen wurde.

Auf die Frage, warum er so viel Zeit und Mühe in seinen Garten investiert, scherzt Mohammad: „Andere geben ihr Geld für Zigaretten aus, ich gebe es für meinen Garten aus und bringe Früchte hervor." Als Geschenk pflückt er Zitronen in seinem Garten und verteilt sie an die Besucher von GOPA und der Diakonie Katastrophenhilfe.



Die Unterstützung der Notleidenden geht über reine Nothilfe hinaus, denn ein Obdach alleine reicht noch nicht zum Überleben. „Eine funktionierende Infrastruktur von Geschäften und kleinen Märkten ist essenziell, damit sich zurückgekehrte Familien auch versorgen können“, sagt Isabelle Freimann von der Diakonie Katastrophenhilfe. „Sie benötigen Nahrungsmittel und alles, was man zum Leben braucht. Deshalb unterstützen wir die Menschen auch dabei, sich wieder eine Lebensgrundlage aufzubauen. Nur so können sie wieder ein eigenes Einkommen erzielen und ihre Familien versorgen.“ Zusammen mit der Partnerorganisation GOPA werden daher auch Ladenbesitzer und ihre Familien begünstigt. Sie profitieren von instandgesetzten Geschäften und Shops, die Handel und Dienstleistungen wieder möglich machen.

„Die Zerstörung der meisten Läden ist so groß, dass man sich vor Baubeginn kaum vorstellen kann, dass dort wieder Waren verkauft werden sollen“, erzählt Freimann. „Doch dafür hat GOPA Fachleute.“ Jedes Gebäude wird zunächst von Ingenieur*innen von GOPA geprüft. Die Baumaßnahmen führen dann lokale Handwerker durch. Neben Lebensmittelläden oder Gemischtwarenhändlern profitieren auch kleine Werkstätten, Bäckereien oder Bekleidungsgeschäfte von der Hilfe.

Mehr Infos über die Arbeit der Diakonie Katastrophenhilfe und zu den Spendenaktionen finden Sie unter:
https://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/gemeinden/passionszeit