Wort zum Sonntag vom 18. Oktober 2026

Nachricht 18. Oktober 2026

Was hält uns zusammen?

In einer Zeit, in der der Ton rauer wird und Meinungsverschiedenheiten schnell zu unüberbrückbaren Gegensätzen werden, verfestigt sich der Eindruck: Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Diejenigen, die sich um das Miteinander sorgen, setzen dagegen den Apell zum Zusammenhalt. Aber Zusammenhalt lässt sich nicht verordnen. Er entsteht nicht allein durch politische Beschlüsse. Als moralische Forderung vorgetragen, birgt er die Gefahr, tatsächliche Widersprüche zu verschleiern. Meine Erfahrung ist: Verständnis füreinander wächst dort, wo Menschen einander wahrnehmen, aufeinander zugehen und Verantwortung füreinander übernehmen. Der biblische Wochenspruch für diesen Sonntag gibt dazu eine wichtige Orientierung. Inmitten einer Zeit wachsender Unsicherheit macht er eine klare Ansage: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)“ Obwohl er sich an eine bestimmte Glaubensgemeinschaft wendet, können von diesem Rat alle profitieren: Maß des Guten ist nicht eine meinungsstarke Überzeugung, sondern ein konkretes Tun und eine konkrete Haltung: Liebe üben und demütig sein. Wenn ich darüber nachdenke, kommen mir konkrete Menschen und Orte in den Sinn: Leute, die sich ehrenamtlich engagieren. Bei der Essenstafel, in der Bahnhofsmission über die Freiwilligenagentur oder in Kirchengemeinden. Sie unterstützen Kinder beim Lernen, helfen anderen im Umgang mit dem Smartphone oder nehmen sich Zeit für Menschen, die Unterstützung brauchen. Sie warten nicht darauf, dass jemand anderes den gesellschaftlichen Zusammenhalt herstellt. Sie fangen selbst damit an. Liebe üben heißt: die eigene Zeit nicht nur für sich selbst zu verwenden. Demütig sein heißt: nicht zu fragen, ob die eigene Hilfe besonders wichtig ist oder Anerkennung verdient. Sondern zu sehen, was gerade gebraucht wird. „Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es,“ diesen Ratschlag von Erich Kästner hat mir mein Deutschlehrer in der fünften Klasse in mein Poesiealbum geschrieben. Ein passender Kommentar zum Wort des Propheten Micha. Und eine praktische Anleitung, wie Zusammenhalt wachsen kann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag,

Ihr Pastor Norbert Schwarz.