Wort zum Sonntag

Das "Wort zum Sonntag" hat in der Geschichte zwischen christlicher Religion und Medien eine lange Historie. Bereits in den fünfziger Jahren wurden die ersten Worte zum Sonntag in der ARD gesendet, später folgten Radiostationen und Zeitungen.

Auch in Celle besteht in dieser Hinsicht eine Tradition. In jeder Wochenendausgabe der Celleschen Zeitung werden Texte zum Nachdenken veröffentlicht. 

Auf dieser Seite haben Sie die Möglichkeit, sich die zum Teil zeitlosen Texte noch einmal ganz in Ruhe durchzulesen.

Wort zum Sonntag vom 6. Dezember 2025

Von Jürgen Paschke, Theologe und Publizist aus Celle

 

Licht an!

Jetzt schreiben wir uns wieder: Er, mein alter Schulfreund Bernt, schickt mir aus Antwerpen Grüße zum Weihnachtsfest. Ich wünsche ihm aus Celle „Chag Chanukka Sameach!“, ein frohes Chanukka-Fest! Bernt ist jüdischen Glaubens, und schon in unserer Schulzeit haben wir herzhaft diskutiert, und vorletztes Jahr habe ich ihn nach Jahrzehnten endlich wiedergesehen.

Beide Feste – Chanukka und Weihnachten – liegen dicht beieinander. Am Sonntagabend bei Einbruch der Dunkelheit wird die erste Kerze der Chanukkia (achtarmiger Leuchter) angezündet. Jeden Tag eine weitere. Die Kerzen erinnern an eine Szene in der Geschichte des jüdischen Volkes: In einer Zeit der Unterdrückung brannte im Tempel in Jerusalem ein winziger Vorrat an Öl, eine Tagesration, acht Tage lang. Das Licht erzählte von Gottes Gegenwart und Treue in Zeiten der Angst und Unsicherheit.

Auch wir Christen zünden Kerzen an: jetzt schon die dritte im Advent und demnächst jede Menge Kerzen am Tannenbaum. Sie weisen auf Jesus hin, der in unsere Welt kommt. Und der bei jedem persönlich ankommen will. In meinen Unsicherheiten mitten in unserer Weltlage und den vielen scheinbar hoffnungslos verfahrenen Konflikten. Auch ganz konkret in meinen Alltagssorgen und Bedrängnissen.

Chanukka, Advent und Weihnachten haben dieselbe gute Nachricht: Gottes Licht ist größer als jede Dunkelheit. Es erhellt unsere Wege, es weckt neuen Mut, es gibt uns Orientierung. Und wo immer Hoffnung aufleuchtet, können wir davon weitergeben. Gottes Licht ist nie nur für uns selbst gedacht. Wir dürfen es anderen Menschen zeigen: sie anlächeln, nach ihren Sorgen und Freuden fragen, konkret helfen, sie auf einem schweren Weg begleiten, ihnen ein gutes Wort gönnen oder ihnen sagen, wie wichtig sie für uns sind.

Vielleicht beginnen wir dann, gemeinsam zu lächeln, über erste Schritte nachzudenken oder zu beten. Wir machen das Licht an, lassen Kerzen leuchten: Als Zeichen der Gegenwart Gottes und einer neuen Hoffnung. Auch ein kleines Licht ist immer stärker als die Dunkelheit.  

Die Bibel ermutigt mich, mit anderen Gottsuchern unterwegs zu bleiben – zuversichtlich und erwartungsvoll (Jesaja 60,1): „Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt!“

Chag Chanukka Sameach! Eine helle Adventswoche! Und demnächst: Ein fröhliches Christ(us)fest!

Wort zum Sonntag vom 6. Dezember 2025

Von Pastor Markus Nietzke aus Hermannsburg

 

Ein Pferd, ein Mann – und ein Schiff voller Güte

Vor drei Wochen war ich in Enschede (NL) unterwegs und machte dort eine Pause in einer charmanten Bar. Eine Tasse Milchkaffee, mit viel Schaum – perfekt! Das Ambiente zog mich an; Ich ging ich ein wenig umher. Es gab einen Kinderbereich! Dort entdeckte ich Ausmalbilder in DIN-A3-Größe auf festem Karton. Auf einem Schiff mit vier Luken der Nikolaus – und, ja wirklich: mit einem Pferd an Deck! Daneben ein holländisches Gedicht, das zum Basteln einlud – mit der Aufforderung, das fertige Schiff wieder zurückzustellen, damit es zum Nikolaustag gefüllt werden kann. Man kann das Schiff ausmalen, ausschneiden und zusammenkleben.

Ich lächele. Ein paar bunte Modelle stehen schon da – in der freudigen Erwartung, dass sie bis zum 6. Dezember befüllt werden. Ich erinnere mich an eine eher unbekannte Nikolauslegende: Nikolaus, Bischof in Myra, nachts heimlich Brot, Datteln, Feigen und Nüsse an hungernde Familien verteilt. Kein Glanz, keine große Gesten. Einfach nur ein Korb, letztlich voller Barmherzigkeit, vor der Tür abgestellt. Von Unbekannt – mit genau dem, was gerade fehlte.

Was für ein Geschenk! Kein Gold, kein großer Auftritt – sondern Trost, Wärme, satt werden. Damit steht der Nikolaus Pate für das Prinzip „Anonym helfen“.

In Jesaja 58,7 in der Bibel lese ich: „Brich dem Hungrigen dein Brot…“  Das klingt fast wie ein Auftrag direkt aus dem Wirken des Nikolaus.

Vielleicht nehmen wir uns ein Beispiel daran. Nicht alles muss immer groß sein. Manchmal reicht ein kleiner Akt der Freundlichkeit – ohne Absender. Einfach so. Ganz schlicht. Mit ein paar Datteln. Oder etwas Zeit. Eine Handvoll Feigen oder Nüsse. Oder aufmerksames Zuhören. Brot und Wasser. Oder ein Kartengruß im Briefkasten.

Der Heilige (Sankt) Nikolaus hat vorgemacht, wie man Leib und Seele füllt mit Barmherzigkeit. Vielleicht entdecken wir darin das wahre Geschenk dieser Adventszeit: Dass jeder Mensch aus Herzensgüte etwas schenken oder spenden kann. Manchmal reicht dafür schon ein Schiff aus Karton in der Bar oder ein Schuh im Fensterbrett oder Stiefel aus Karton im Einkaufgeschäft (gestern entdeckt!). Als Inspiration habe ich mir jedenfalls ein solches Schiffchen aus Enschede mitgebracht.

Wort zum Sonntag vom 22. November 2025

Von Pastor Lars Röser-Israel, Gemeinde Großmoor

 

Liebe Lesende!

„Carpe diem“ oder „Memento mori“ heißt auf Deutsch: „Nutze den Tag“ oder „Bedenke, dass du sterben wirst“. Diese Wendungen ermahnen dazu, aus dem Wissen um den eigenen Tod eine Konsequenz für die Gegenwart abzuleiten. Dass das gar nicht so leicht ist, fällt mir bei einer eigenen Erinnerung auf.

Als Kind – mein genaues Alter vermag ich mich nicht mehr zu benennen – erlebte ich einmal einen halben Nachmittag, an dem ich glaubte, sterben zu müssen. Es war weder damals dramatisch noch erinnere ich es heute als beängstigend. Wie wohl jedem Kind haben auch mir meine Eltern eingeschärft, nicht in die Steckdose zu fassen, weil dies nicht nur unangenehm, sondern auch höchstgefährlich sei und tödliche Folgen haben könne. Nun geschah es aber, dass ich doch mit einer Steckdose in Berührung kam. Vermutlich stieß ich mit der Hand lediglich an das Kunststoffgehäuse. Und wahrscheinlich gab es auch eine Kindersicherung, die vor einer Berührung der Metallkontakte schützte. Trotzdem ging ich nun davon aus, dass ich durch die Berührung der Steckdose bald würde sterben müssen. Denn bei aller Unterrichtung durch meine Eltern waren mir die eigentlichen Gefahren einer Steckdose verborgen geblieben. Und noch weniger wusste ich, dass ein allmähliches Dahinsterben nicht die Folge eines Stromschlags sein würde. Kurzum: ich hatte keinerlei Begriff vom Sterben. Und so sorgte ich mich auch nicht um meinen Tod, sondern gab mich – religiös erzogen – meinem Schicksal hin.

Heute, 40 Jahre älter, erscheint mir der Tod so fremd wie damals. Ich vermag ihn nicht recht zu begreifen. Vielleicht geht es Menschen anders, die selbst große Lebensgefahr erlebt haben, oder denen, die einen Menschen intensiv im Sterben begleitet und gepflegt haben. Jemand, der mir von seiner schweren Krankheit und einem zweiten Leben erzählt hat, der sagte mir, dass sich das Wissen um die eigenen Sterblichkeit auch wieder verliert. Der eigene Tod bleibt auch dann abstrakt. Was aber bleibt, sind die Lücken, die die anderen hinterlassen. Sie erinnern uns an verpasste Chancen genauso wie an wertvolle geteilte Zeit. Vielleicht ist es daher wichtiger, nicht den eigenen Tod, sondern den der anderen zu bedenken, um das eigene Leben mit ihnen auszukosten.

Wort zum Sonntag vom 15. November 2025

Von Pastor Carsten Junge, Bonifatiusgemeinde Klein Hehlen

Versöhnung ist möglich

„Mein Vater hatte ein Lebens-Mantra“, erzählt die Tochter. „Er sagte immer: Man darf nicht hassen. Das tut nur weh. Er liebte das Leben. Vielleicht, weil seine Jugend so dunkel war.“

Das von der ARD gezeigte Doku-Drama „Nürnberg 45“ erzählt die Geschichte von Ernst Michel. Er war ein Auschwitzüberlebender. Sein Vater, ein Zigarettenfabrikant, hatte ihm als Kind befohlen, Kalligrafie zu lernen – die „Kunst des schönen Schreibens“. Das rettete ihm das Leben. Er wurde von der SS als Listenschreiber eingesetzt. Dadurch überlebte er. Später musste er Leichen schleppen und weibliche Gefangene zu den grausamen Experimenten von Lagerarzt Josef Mengele begleiten. Im April 1945 kann er auf einem der Todesmärsche aus den Konzentrationslagern fliehen. Nach der Befreiung wird Michel Journalist und nimmt als Berichterstatter an den Nürnberger Prozessen teil.

Mich hat diese Geschichte von Ernst Michel sehr beeindruckt – auch durch die Interviews, die vor wenigen Jahren mit ihm geführt wurden. Ohne Bitterkeit erzählt er über sich und sein Leben. Er wandert aus in die USA, gründet eine Familie, engagiert sich in der jüdischen Gemeinde, setzt sich ein für Spenden- und Stiftungsprogramme.
Ernst Michel ist ins Leben zurückgekehrt. Auch weil er sich gegen den Hass entschieden hat. „Er sagte immer: Man darf nicht hassen. Das tut nur weh.“ Woher er die Kraft genommen hat, so versöhnlich auf sein Leben und auf seine Zeitgenossen zu blicken, bleibt ein Wunder.

In unserer Gesellschaft erleben wir immer häufiger, dass Menschen unversöhnlich auftreten. Es breitet sich eine Mentalität der Selbstbehauptung und des Sich-Beschwerens aus. Gut, wenn es uns gelingt, in unserem Umfeld dagegen zu steuern und das Miteinander zu suchen und zu stärken. Bestehende Konflikte lassen sich nicht leugnen. Aber wenn man sich und anderen eine Brücke baut, dann kann das zur Verständigung führen.

„Versöhnung ist wie ein Fest nach langer Trauer“ – so heißt es in einem Lied. Leicht zu haben ist Versöhnung oft nicht, aber wenn sie gelingt, wird vieles leicht. Der Apostel Paulus sagt, dass Gott in Christus die Welt mit sich selbst versöhnt hat und das wir Christen darum „Botschafter der Versöhnung“ sein sollen. Wie gut, wenn wir diesen Auftrag annehmen. Menschen wie Ernst Michel können dabei Vorbild sein.

Wort zum Sonntag vom 1. November 2025

Von Pastor Simon Volkmar, Große Kreuzgemeinde Hermannsburg

Wenn Gott mal wieder komisch ist

Gott ist nicht gerade in Mode. Gibt es ihn überhaupt? Lohnt es sich, zu glauben? Schwierige Themen... Wenn wir dann mal etwas von Gott hören, ist er meistens sehr „lieb“: Er liebt alle, hat ein großes Herz für Außenseiter, und viel Verständnis für alle, die mit ihm nichts anfangen können. Gott ist ein Netter. Allerdings wird nett auch schnell langweilig...

Wussten Sie, dass der „liebe Gott“ gar nicht so richtig in der Bibel vorkommt? Dort hat Gott ganz unterschiedliche Eigenschaften: eifersüchtig, zornig, rätselhaft, leidenschaftlich, beeindruckend, einfühlsam. Gott passt nicht so richtig in unsere Schubladen. Das macht es interessanter, aber auch schwieriger.

Ein Beispiel hierfür kann man an diesem Sonntag hören. Eine Frau kommt zu Jesus und bittet ihn um Hilfe. Sie ist eine Ausländerin, ihre Tochter hat psychosomatische Probleme. Die Frau ist dadurch gesellschaftlich doppelt benachteiligt. Uns geht da das Herz auf: Für genau solche Menschen ist Gott doch da! Dann passiert es... Jesus schaut die Frau nicht mal an, geht einfach weiter. Das ist selbst den Jüngern peinlich. Da antwortet Jesus eiskalt: „Ich bin nur gekommen, um Menschen aus dem Volk Israel zu helfen. Oder würdet ihr euren Kindern das Abendbrot wegnehmen, um damit euren Hund oder eure Katze zu füttern.“ Wie bitte? Jesus will der Frau nicht helfen, weil sie Ausländerin ist? Das ist doch rassistisch! Wie kann er das nur sagen?

Da passiert etwas. Die Mutter am Rand ist nicht bereit, kampflos aufzugeben: „Wenn man mit den Kindern Abendbrot isst, bleiben immer Reste über. Die kriegen dann die Haustiere. Darum, Jesus, erwarte ich, dass du mir hilfst!“ Da huscht ein Lächeln über Jesus Gesicht: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Im selben Moment ging es der Tochter besser.

Es überrascht Sie vielleicht, aber das ist eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Denn sie passt zu dem, was ich oft erlebe: Gott verhält sich manchmal wirklich komisch. Er macht einfach nicht, womit ich rechne. Gleichzeitig zeigt die Geschichte mir: Ich muss mir nicht alles gefallen lassen. Mein Glaube darf ruhig auch mal frech sein und mutig mit Gott streiten. Am Ende gibt es dann doch ein Happy End. Gott sei Dank!

Wort zum Sonntag vom 25. Oktober 2025

Von Pastor Norbert Schwarz

Was mache ich mit meiner freien Zeit?

Die nächste Woche beschert uns einen zusätzlichen freien Tag. Seit 2018 ist der Reformationstag gesetzlicher Feiertag. Mit der freien Zeit ist es so eine Sache. Wie kann ich sie sinnvoll nutzen? – Der Oktober ist die Zeit der Jahrmärkte. Meine Frau war neulich mit ihrem Neffen auf einem Rummel. Der konnte nicht genug davon bekommen, sich in einem Fahrgeschäft durch die Luft wirbeln zu lassen. Auf und nieder ging es in der Kabine. Was für ein Gefühl von Freiheit! Apropos: Damit sind wir schon mittendrin im Thema: Reformationstag – was feiern wir da eigentlich? Als Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug, stand eine Frage ihm im Sinn: Wie werde ich frei? Eine Antwort auf diese Frage gab zu seiner Zeit der Ablasshandel: Alles eine Frage des Geldes. Geld regiert nicht nur die Welt. Es hat auch Macht über dein Seelenheil. „Sobald die Münze im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt,“ war der Slogan des Ablasspredigers Johann Tetzel. „Das kann es nicht sein,“ dachte Luther. Er setzt dem etwas anderes entgegen: Liebe. Liebe ist die Macht, die Himmel und Erde verbindet. Durch Liebe öffnet Gott sein Herz für uns. Durch Jesus Christus kommt seine Liebe in unsere Welt. Luther beschreibt einen wunderbaren Kreislauf, den Gottes Liebe in Gang setzt: „Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten: In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er aufwärts zu Gott, von Gott fährt er wieder abwärts durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und der göttlichen Liebe. Sie überragt alle andere Freiheit wie der Himmel die Erde.“ – Das Fahrgeschäft kommt mir in den Sinn, wie es den Neffen durch die Luft wirbelt. Steckt in Luthers Freiheitssinn eine Antwort auf die Frage, wie wir unsere freie Zeit sinnvoll nutzen können? Indem wir uns anderen liebevoll zuwenden. Sich bei jemandem melden, von dem wir lange nichts gehört haben. Jemanden besuchen, der sonst allein bleibt. Oder einen gemeinsamen Ausflug unternehmen auf den Jahrmarkt. Frei sein, zu lieben. Dann wären wir auf Luthers Spur. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Woche.

Wort zum Sonntag vom 21. September 2025

Von Pastorin Ilka Greunig, Beauftragte für Altenseelsorge im Ev.-luth. Kirchenkreis Celle

Welt-Alzheimertag
oder
Der Mensch bleibt

„Meine Frau vergisst so viel! Was werden die Menschen in der Gemeinde denken, wenn sie es bemerken?“ Mit einem unguten Gefühl denkt der Ehemann an den bevorstehenden Gottesdienst zur Jubelkonfirmation. Seine Frau war immer so kommunikativ. Aber jetzt: „Wird sie alle erkennen? Verhält sie sich angemessen! Oder sollten wir einfach besser zu Hause bleiben?“

Viele Menschen möchten sich mit ihrer Schwäche und Hilfsbedürftigkeit anderen nicht zumuten. Wenn die Gesundheit nachlässt, gerät auch das Selbstbild ins Wanken. Dazu kommt die bange Frage: „Werden mich die anderen so akzeptieren, wie ich jetzt bin?“

In der Bibel wird die Geschichte eines Menschen erzählt, dessen Hand verdorrt ist (Mk 3,1-5). Das Wort „verdorrt“ steht im Griechischen auch für einen Schwund des Lebens. Jesus stellt den Menschen, dessen Leben immer mehr eingeschränkt wird, in den Mittelpunkt. Und er tut das am Sabbat. Der Sabbat ist der Tag Gottes. Ausgerechnet an diesem Tag stellt Jesus einen Menschen in die Mitte. Und nicht einen „perfekten“ Menschen wie Robert Redford oder „Germany’s Next Topmodel“, sondern einen kranken Menschen, dessen Lebenskraft immer weniger wird. Jesus sieht diesen Menschen. Und Jesus sorgt dafür, dass er auch von anderen gesehen wird. Genau das wirkt sich heilsam auf ihn aus.

In Deutschland sind zurzeit ca. 1,8 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen. Die Erkrankung beeinflusst das Leben der ganzen Familie. Gleichzeitig verschwinden diese Menschen aus dem gesellschaftlichen Alltag. Hartnäckig hält sich die Meinung, sie würden sowieso nichts mehr mitkriegen. Das ist falsch. Eine Demenzerkrankung verändert die Menschen. Die Krankheit nimmt ihnen nach und nach vieles, was sie früher konnten und wussten. Doch der Mensch bleibt. Seine Gefühle wie Freude und Angst bleiben – bis zuletzt, genauso wie das Bedürfnis nach Geborgenheit und Gemeinschaft.

Der Welt-Alzheimertag am 21. September stellt die Menschen, die demenziell erkrankt sind, in den Mittelpunkt - mit Aktionen und Informationsveranstaltungen. Der Ev.-luth. Kirchenkreis Celle feiert am Sonntag einen VergissMeinNicht-Gottesdienst für Menschen mit und ohne Demenz, um 11 Uhr in der St. Michael Kirche, Wietze.

Wort zum Sonntag vom 14. September 2025

Von Carola Beuermann, Pastorin in den Kirchengemeinden Kreuzkirche und Neuenhäusen

Großartig!

Bill Gates, Microsoft-Mitgründer und einer der reichsten Menschen der Welt, spendete 1994 ein Drittel seines Vermögens zur Gründung seiner Stiftung (knapp 28 Mrd) und jährlich zusätzlich weitere Milliarden für wohltägige Zwecke. Er hatte zum richtigen Zeitpunkt die richtige Idee und fördert nun mit seinem Reichtum viele wichtige Projekte. Großartig, finde ich! Wenn das alle täten, die könnten…

Die Reichensteuer – schwierig umzusetzen? Warum eigentlich? Dabei wäre ein Prozent mehr Steuer bei reichen Menschen schon viel für die Gemeinschaft. Und erst zwei – oder gar 20%! Viele Probleme ließen sich damit lösen. Wo bleibt die Dankbarkeit dafür, dass es einem so gut geht? Wo bleibt der Gemeinwohl-Gedanke? Der Sozialstaat am Ende? Das kann und will ich nicht glauben. Am Telefon will mir manchmal jemand sagen, wie ich noch mehr Steuern sparen könnte, dann antworte ich: „Ich will gar nicht mehr Steuern sparen. Steuern sind wichtig! Die brauchen wir, damit unser Sozialstaat funktioniert.“

Dass so viel Geld für Rüstung und verhältnismäßig wenig für Bildung, Familien, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit hier bei uns und in der Welt investiert wird, gefällt mir weniger. Margot Käßmann, unsere frühere Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende, steht nach wie vor zu ihrem pazifistischen Standpunkt. Ich höre noch den Aufschrei der Empörung als Reaktion auf ihren Satz: „Nichts ist gut in Afghanistan!“ Sie hält dem Gegenwind stand, den sie von allen Seiten bekommt. Großartig, finde ich. Nach ihrer sogenannten „Alkoholfahrt“ im Februar 2010 sagten viele, sie könne im Amt bleiben, stärkten ihr den Rücken. Aber sie ist gleich am Folgetag von all ihren Ämtern zurückgetreten. Stark, dachte ich – und war einerseits sehr traurig - und andererseits sehr beeindruckt! So geradlinig hat sie zu ihren Positionen und auch zu ihrem Fehler gestanden und sich weiterhin aktiv für Frieden und Menschenliebe engagiert und Gottes Liebe gepredigt als immer noch gerngesehene und gern gehörte Pastorin. Großartig, finde ich. Die „große Frau von Schunem“ (2. Könige), die in diesem Jahr Thema unseres Gottesdienstes von Frauen für ALLE ist, bleibt in der Bibel namenlos. Was macht sie zu einer „großen“ Frau? Und wer oder was ist in unseren Augen groß(artig)? Diesen und anderen Fragen gehen wir nach, wenn wir am 21. September Gottesdienst feiern. Sind Sie, bist Du dabei? Herzliche Einladung!

 

Wort zum Sonntag vom 6. September 2025

Von Christoph Ricker, Pastor der Kirchengemeinde St. Johannes der Täufer Winsen

Auf eigenen Füßen stehen

Einer der Eingänge zum Jerusalemer Tempel heißt das „schöne Tor“. Ständig gehen Menschen ein und aus. Das zieht Hilfsbedürftige an. Wo viele Menschen sind, da gibt es öfter eine milde Gabe. So funktioniert soziale Fürsorge vor 2000 Jahren.

Ein Gelähmter sitzt da. Man hat ihn hergetragen und abgesetzt. Er hat noch nie im Leben auf eigenen Beinen gestanden. Routiniert bettelt er an, wer vorbeikommt. Petrus bleibt stehen. Er blickt ihn an. Der Bettler senkt den Blick. „Sieh mich an, sagt Petrus. Der Bettler richtet seine Augen auf. Da stehen zwei Männer vor ihm – Petrus und Johannes. Er bekommt Hoffnung. Die wollen mich nicht vertreiben, denkt er. Die wollen mir etwas geben.

Doch Petrus enttäuscht diese Erwartung: „Silber und Gold habe ich nicht. Was ich aber habe, das gebe ich dir.“ Dann fasst er ihn bei den Händen und richtet ihn auf. Dazu spricht er die Worte. „Im Namen Jesu Christi – steh auf und geh umher!“ Zum ersten Mal in seinem Leben kann der Arme auf eigenen Füßen stehen und gehen.

Das Wunder von damals scheint weit entfernt von heute.

Aber das Problem ist aktuell: Wie helfen wir denen, die nicht auf eigenen Füßen stehen können? Mit Geld? Mit der Aufforderung: Steh auf!?

Man könne sich dieses Sozialsystem nicht mehr leisten, meint Friedrich Merz. „Bullshit“, sagt dazu seine Arbeitsministerin Bärbel Bas.

Silber und Gold habe ich nicht, sagt Petrus. Aber er sieht den Armen an. Er beachtet ihn. Und er fordert ihn auf: „Sieh uns an.“ Das bedeutet: Auch du hast Augen. Auch du kannst Beziehung aufnehmen. Auch du hast Kompetenzen.

Angesehen werden. Nicht übersehen werden. Und auch selbst sehen, selbst urteilen können. Das braucht es, um Haltungen zu verändern und irgendwann für sich sorgen zu können. Das ist mühsam. Und wie ein Wunder, wenn es so kommt. Möglich ist das. Weil Menschen sich ändern können, wenn man ihnen dabei hilft.

Den Bettler nur zum Tor zu tragen und dort abzusetzen, hilft auch, aber verändert nichts. Der Gelähmte wird versorgt, bleibt aber gelähmt.

Politikerinnen und Politiker müssen keine Wunder wirken. Aber sie können Lähmungen im System überwinden. Das ist eine Frage der richtigen Worte und Taten. Aber vor allem auch eine Haltungsfrage. Es ist immer gut, einander in die Augen zu sehen, wenn man miteinander redet.

 

Wort zum Sonntag vom 30. August 2025

Von Ulrike Drömann, Theologischer Vorstand der Lobetalarbeit

Liebe Lesende,

ein Strandspaziergang an der Ostsee. Zwischen den vielen Steinen liegt einer, der auffällt - nicht, weil er besonders bunt wäre, sondern weil er ein Loch hat. Durch Wind, Wellen und Sand ist mitten hindurch eine Öffnung entstanden. So ein Stein hat einen Namen, zugegeben etwas ungewöhnlich: Hühnergott. Kinder spielen damit gern an einer Schnur, Fischer hängten sie früher als Glücksbringer ins Netz, heute sind sie willkommene Deko.

Man schaut durch dieses Steinloch hindurch – wie durch ein kleines Fenster in eine andere Welt.

Hühnergötter sind Feuersteine mit einem natürlichen Loch. Das Loch entsteht über viele Jahre hinweg durch das Reiben von Wasser, Sand und Salz. Jeder ist einzigartig, keiner sieht aus wie der andere. In alter Zeit glaubte man, sie brächten Schutz und Glück, weil man durch sie „hindurchsehen“ konnte und so das Böse fernhielt.

Mich erinnert so ein Hühnergott an 1. Korinther 13,12: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

Wir Menschen schauen oft wie durch so einen Stein auf unser Leben: Wir sehen nur durch ein kleines Loch – und können das ganze Bild nicht erkennen. Uns begegnen oft Bruchstücke: einzelne Schicksale, schwierige Momente, nicht die ganze Geschichte. Gott hingegen sieht das Ganze, sieht den ganzen Menschen und den ganzen Lebensbogen. Er kennt den Weg, den wir gehen. Er weiß, wie aus harten Zeiten, stetiger Reibung und stürmischen Wellen etwas Einzigartiges entstehen kann.

So kann uns so ein Urlaubsfund an Gottes Wirken an uns erinnern. Daran, dass er uns über die Zeit formt. So haben wir die Hoffnung, dass das, was jetzt unvollständig wirkt, einmal klar sein wird. Und dieser Stein kann uns an den Auftrag erinnern, dass durch unser Handeln Gottes Licht hindurchscheinen will.

Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Wir erleben Brüche, Herausforderungen, auch Unverständliches. Der Hühnergott ist nicht trotz, sondern gerade durch seine Bruchstelle hindurch besonders. Etwas, das schmerzhaft geschliffen wurde, wird doch kostbar und schön. Genauso wird Gott unsere „Löcher“, unsere Schwächen, Verluste und Defizite so verwandeln, dass sie zu etwas Kostbarem werden, zu einem Fenster, durch das sein Licht einfällt.