Wort zum Sonntag vom 30. August 2025
Von Ulrike Drömann, Theologischer Vorstand der Lobetalarbeit
Liebe Lesende,
ein Strandspaziergang an der Ostsee. Zwischen den vielen Steinen liegt einer, der auffällt - nicht, weil er besonders bunt wäre, sondern weil er ein Loch hat. Durch Wind, Wellen und Sand ist mitten hindurch eine Öffnung entstanden. So ein Stein hat einen Namen, zugegeben etwas ungewöhnlich: Hühnergott. Kinder spielen damit gern an einer Schnur, Fischer hängten sie früher als Glücksbringer ins Netz, heute sind sie willkommene Deko.
Man schaut durch dieses Steinloch hindurch – wie durch ein kleines Fenster in eine andere Welt.
Hühnergötter sind Feuersteine mit einem natürlichen Loch. Das Loch entsteht über viele Jahre hinweg durch das Reiben von Wasser, Sand und Salz. Jeder ist einzigartig, keiner sieht aus wie der andere. In alter Zeit glaubte man, sie brächten Schutz und Glück, weil man durch sie „hindurchsehen“ konnte und so das Böse fernhielt.
Mich erinnert so ein Hühnergott an 1. Korinther 13,12: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Wir Menschen schauen oft wie durch so einen Stein auf unser Leben: Wir sehen nur durch ein kleines Loch – und können das ganze Bild nicht erkennen. Uns begegnen oft Bruchstücke: einzelne Schicksale, schwierige Momente, nicht die ganze Geschichte. Gott hingegen sieht das Ganze, sieht den ganzen Menschen und den ganzen Lebensbogen. Er kennt den Weg, den wir gehen. Er weiß, wie aus harten Zeiten, stetiger Reibung und stürmischen Wellen etwas Einzigartiges entstehen kann.
So kann uns so ein Urlaubsfund an Gottes Wirken an uns erinnern. Daran, dass er uns über die Zeit formt. So haben wir die Hoffnung, dass das, was jetzt unvollständig wirkt, einmal klar sein wird. Und dieser Stein kann uns an den Auftrag erinnern, dass durch unser Handeln Gottes Licht hindurchscheinen will.
Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Wir erleben Brüche, Herausforderungen, auch Unverständliches. Der Hühnergott ist nicht trotz, sondern gerade durch seine Bruchstelle hindurch besonders. Etwas, das schmerzhaft geschliffen wurde, wird doch kostbar und schön. Genauso wird Gott unsere „Löcher“, unsere Schwächen, Verluste und Defizite so verwandeln, dass sie zu etwas Kostbarem werden, zu einem Fenster, durch das sein Licht einfällt.